Sie wurde gecancelt. Ja, und?

Eine österreichische Kabarettistin, die vor kurzem ein Buch veröffentlicht hat, hätte bei einem Literaturwettbewerb (sic!) in Hamburg lesen sollen. Sie wurde zuerst gebeten sich selbst auszuladen. Als sie dem nicht nachkam, wurde sie von Seiten der Veranstalter*innen ausgeladen.

Die Gründe für die Ausladung waren zu Beginn Falschmeldungen. Jetzt weiß keiner so richtig was passiert ist. Auf jeden Fall ist für einige eines klar: Sie wurde gecancelt. Das stimmt. Das stimmt insofern, dass sie dort, wo sie hätte lesen sollen, nun nicht lesen darf. Sie darf das deshalb nicht, da die Betreiber*innen des Lokals (nicht die Veranstalter*innen des Wettbewerbs), wo sie hätte lesen sollen, nicht wollen, dass sie dort liest. So einfach ist das. Man kann den Betreiber*innen natürlich vorwerfen, dass sie das auch vorher wissen hätten können, dass sie nicht wollen, dass die Kabarettistin dort liest. Aber fun fact: Mit neuen Informationen können sich Meinungen ändern.

Nun wird von einigen eine „Cancel Culture“ herbeiphantasiert. In Wahrheit soll das wohl nur ein anderes Wort für Zensur sein. Was genau mit Cancel Culture jeweils gemeint sein soll bleibt so diffus wie die Frage, ob diese Kabarettistin nun lustig ist oder nicht. Kommt darauf an, könnte man sagen.

Ein Argument, mit welcher die angeblich grassierende Cancel Culture deutlich gemacht werden soll, ist natürlich die Meinungsfreiheit. „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“ ist der dämliche Satz, der in diesem Zusammenhang fällt. Natürlich darf man das. Die Kabarettistin hat es doch gesagt, dass sie es interessant findet, dass Harvey Weinstein, Woody Allen und Roman Polański Juden sind. Das wurde sogar ausgestrahlt, im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen, mit allem Drum und Dran. Auch dafür wird übrigens das Geld der deutschen Gebührenzahler*innen verwendet. Zur ganzen Thematik gibt es allerdings zumindest zwei Punkte anzumerken:

  1. Man darf zwar sagen was man will, man darf aber nicht erwarten, dass das alle gut finden. Die Dünnhäutigkeit der Meinungsfreiheitsverfechter*innen ist erstaunlich.
  2. Man darf zwar sagen was man will, man darf aber nicht mit Reichweite rechnen. Ich sag ja auch viel. Hört mir außer meinen Freund*innen jemand zu. Nö, nicht wirklich. Bin ich jetzt auch Opfer der Cancel Culture?

Die Betreiber*innen des Lokals in Hamburg werden jeder einzelnen von mir hier aufgestellten Behauptung gerecht:

Sie sind sich gewahr, dass die Kabarettistin sagen durfte was sie gesagt hat. Denn nochmal, sie hat es ja, im Fernsehen. Ich habe zumindest nichts von Seiten der Betreiber*innen gehört, dass die Kabarettistin das nicht hätte sagen sollen dürfen.

Außerdem werden sie ihrem Recht gerecht nicht gut zu finden was die Kabarettistin gesagt hat. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen, dass man etwas, was jemand gesagt hat, nicht gut findet. Ich mein, wo sind wir denn hier?

Und sie dürfen, da es ihr Lokal ist, entscheiden, dass die Kabarettistin nicht in ihrem Lokal öffentlich reden darf. Denn man könnte ja vermuten, dass die Kabarettistin auf ihrer Bühne Sachen sagen würde, die die Betreiber*innen nicht gut finden würden, denn sie hat ja in der Vergangenheit schon Sachen gesagt, die anscheinend von den Betreiber*innen nicht für gut befunden wurden. Oder würde man von der Arbeiterkammer Wien erwarten, dass sie ihre Räumlichkeiten für eine öffentlichen Veranstaltung von Blackstone oder Monsanto zur Verfügung stellen muss. Oder müsste die FPÖ Wels etwa sicherstellen, dass auf ihrem Bierfest auch ein*e Haschisch-Enthusiast*in zu Wort kommen muss. Denn das ist die Kehrseite, wenn ein jeder, alles, überall sagen müssen darf. Dann müssen andere ihre Plattform für etwas hergeben was sie nicht gut finden. Und wieso sollte dann noch irgendjemand eine Plattform gründen? Plattformen werden aus einem bestimmten Interesse heraus gegründet. Es gibt Interessenskonflikte. Oft. Immer wieder. Und es gibt das recht von Plattformbertreiber*innen manche Interessen auf ihrer Plattform zuzulassen und andere nicht. Ist doch nicht so schwer, oder?

Ich glaube ich muss es nochmal wiederholen: Es gibt kein Recht auf Reichweite. Reichweite wird von Plattformen erzeugt. Diese Plattformen werden von Menschen gemacht. Diese Menschen können eine Meinung haben und dürfen entscheiden wer auf dieser Plattform was sagen darf.

Im Bereich des öffentlich-rechtlichen ist dies natürlich etwas komplizierter. Aber auch hier spannen die Cancel-Culture-Schnappatmer*innen den Wagen vor das Pferd. Es war nämlich nicht so, dass die Kabarettistin etwas nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sagen durfte, weil sie zuvor etwas in einem kleinen Lokal in Hamburg gesagt hat. Es war umgekehrt. Und die Ironie, dass die Reichweite für die Kabarettistin aufgrund des „gecancelt“-Werdens um ein Vielfaches erhöht wurde, entgeht den Meinungsfreiheits-Enthusiast*innen auch.

Alles halb so schlimm also? Nicht ganz. Denn die Zensur droht von der Seite, die immer behauptet, dass sie zensuriert wird. Man kann es nämlich auch umdrehen. Hier sind nämlich ein paar Dinge, die ich ganz und gar nicht gut finde und ich bin mir zwar sicher, dass ich das sagen darf, ich bin mir aber auch bewusst, dass das was ich sage Konsequenzen haben kann. Ein weiterer Punkt den die Verfechter*innen der Freiheit oft einfach ignorieren. Also:

Ich finde es nicht gut, dass hochrangige Katholiken im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zum Beispiel über Themen wie Abtreibung oder Verhütung reden dürfen.

Ich finde es nicht gut, dass Autos Vorrang vor Menschen haben.

Ich finde es nicht gut, dass Banken stark in das Leben von Menschen eingreifen aber nur in den seltensten Fällen zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie etwas vermasseln und die Menschen, denen sie nicht helfen, ihnen dann helfen müssen.

Ich finde es nicht gut, dass es keinen verpflichtenden Philosophie-Unterricht gibt.

Ich finde es nicht gut, dass es in Österreich keine Erbschafts- oder Schenkungssteuer gibt.

Ich finde es nicht gut, dass Kinder im Alter von zehn Jahren in unserem Schulsystem vorselektiert werden.

Ich finde es nicht gut, dass es kein bedingungsloses Grundeinkommen gibt.

Ich finde es nicht gut, dass die Wirtschaft so viel Einfluss auf die Politik hat.

Ich finde es nicht gut, dass ich Andreas Gabalier kenne.

Ich finde es nicht gut, dass H.C. Strache zur Wien-Wahl antritt.

Ich finde es nicht gut, dass H.P. Doskozil Chef der burgenländischen SPÖ ist.

Ich finde es nicht gut, dass es Literaturwettbewerbe gibt.

Ich finde es nicht gut herauszustreichen, dass Weinstein, Allen und Polański Juden sind.

usw …

Das wird man ja noch sagen dürfen! Ja, darf man. Niemand muss mir aber zuhören.

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