Ein Fehler

Mit 22 war er jetzt also Philosoph. Zumindest hatte er an einer renommierten Uni Philosophie studiert. Er hatte die Liebe zu Ideen kennengelernt und hatte, als noch immer sehr junger Mann, selbst große Ideen. So große Ideen, dass er beschloss, die Philosophie nicht mehr zu brauchen. Diese alten Männer hatten ihm nichts mehr zu sagen. Er hatte von Platon gelernt, dass wir Menschen, zumindest die Besonderen unter uns, zu Höherem befähigt waren. Kant hatte ihm beigebracht, dass die Vernunft dazu benutzt werden muss, um aus der eigenen, verzweifelten Lage auszubrechen. Adam Smith hatte er zwar nicht selbst gelesen, aber dass der freie Markt auch dafür sorgen würde, dass sich die besten Ideen durchsetzen, davon war er überzeugt. Mit der Verzweiflung Nietzsches allerdings, der Traurigkeit Kierkegaards, der Wortklauberei Wittgensteins und der Romantik John Stuart Mills konnte er nie wirklich etwas anfangen. Also beschloss er Anwalt zu werden. Das schien ihm so lange eine gute Idee zu sein, bis er nach dem Studium bemerkte, dass er über Jahre hinweg als Anwaltsgehilfe bis spät in die Nacht Diktate abtippen und Fakten recherchieren hätte müssen. Das hatte er sich dann doch nicht unter „zu Höherem befähigt“ vorgestellt und vernünftig erschien ihm das schon gar nicht. Seine Familie hatte Bekannte, also wechselte er an die Börse. Er hatte sich schon in der Kindheit daran gewöhnt, Dinge und Menschen, Orte und Beziehungen hinter sich zu lassen. Morgen wird nicht wie heute sein.

An der Börse lernte er recht schnell, dass man nicht nur mit echten Dingen, sondern auch mit Risiken handeln konnte. Das leuchtete ihm sofort ein. Denn wieso sollte zum Beispiel jemand, der in ein Unternehmen investiert, riskieren, dass das Unternehmen pleitegeht und er sein Geld verliert? Eben. Dagegen könnte man sich versichern. Man kann aber auch darauf wetten, dass das Unternehmen, in das man investiert hat, pleitegeht. Geht das Unternehmen dann wirklich pleite und verliert man sein Investment, dann hat man wenigstens die Wette gewonnen.
Mit diesem sogenannten Derivate-Handel konnte man noch ganz andere Dinge machen. Man konnte nämlich nicht nur auf etwas wetten, das entweder wirklich passieren oder eben nicht passieren wird, man konnte auch darauf wetten, ob man selbst oder ein anderer eine Wette verlieren würde oder gewinnen oder beides. Man konnte auf so gut wie alles wetten: auf den Preis von Grundnahrungsmitteln, auf das Platzen von Krediten, auf den Aktienwert des Konkurrenten, auf den eigenen Aktienwert, auf den Leitindex, auf den Kurs von Währungen…
Auch an der Börse arbeitete er manchmal bis spät in die Nacht. Aber hier vergingen die Stunden wie Minuten. Entscheidungen mussten fast im Sekundentakt getroffen werden. Manchmal konnte er innerhalb von Augenblicken Millionengewinne für seine Kunden erzielen. Nur selten verlor er solche Beträge. Er war gut. So gut, dass er schnell befördert wurde und bald auch sein eigenes Geld einsetzte. Privat handelte er fast ausschließlich mit „Futures“. Hier war am meisten zu holen und es faszinierte ihn, dass man mit der Zukunft, mit angeblich Unvorhersagbarem, mit dem, was vielleicht oder nie sein wird, handeln konnte. Es gab eine direkte Verbindung zwischen ihm und der einen Zukunft, die tatsächlich eintreffen würde. Um herauszufinden, welche Zukunft unter den vielen das war, musste er nur genau beobachten, welche Zukunft andere erwarteten. Versteht man die Erwartungen der anderen, also warum sie etwas tun, dann braucht es nur noch Beharrlichkeit, um die eine Zukunft, die, die man ausgewählt hat, zum „Heute“ für alle anderen werden zu lassen. Am besten funktionierte das, wenn den anderen ihr Warum nicht klar war. Er war gut. Umso öfter er vor seinen drei Bildschirmen saß und die Zahlenreihen beobachtete, desto intuitiver wurden seine Entscheidungen. Seine Zukunft wurde immer öfter zum Heute für alle. Er verdiente Geld. Viel Geld.

Sollte es eine Vergangenheit gegeben haben, hatte das keinen Einfluss auf sein Heute. Schon als Kind langweilten ihn Leute, die von der Vergangenheit erzählten. Er verstand nicht, was das alles mit ihm zu tun hätte haben sollen. Er war nicht dabei, als das, wovon man ihm erzählte, passierte. Warum Menschen und Dinge, Beziehungen und Orte so geworden waren, wie sie jetzt sind, sollte nicht dem im Weg stehen, was aus ihnen werden könnte. Wieso sollte er sich also mit etwas beschäftigen, das er sowieso nicht mehr beeinflussen konnte? Viel lieber stellte er sich vor, was noch kommen würde. Er stellte sich überhaupt gern Dinge vor. Spielte er in einem jeweiligen Keller, in einem jeweiligen Teil des Landes, mit jeweilig neuen Freunden „Dungeons & Dragons“, dann gefiel es ihm am besten, der „Dungeon Master“ zu sein. Er konnte für sich und seine Mitspieler ganze Welten erfinden, Geschichten vorantreiben und Entscheidungen treffen, die den ganzen Abend dramatisch beeinflussen konnten. War einer seiner Freunde „Dungeon Master“, war er oft frustriert, da er deren Szenen und Entscheidungen langweilig, dumm und zu kurz gegriffen fand.
Daher gefiel es ihm noch besser, sich auf den langen Autofahrten, eingezwängt zwischen Umzugskartons, in den Büchern J.R.R. Tolkiens zu verlieren. Die vorbeiziehende Landschaft war genau das, sie zog vorbei, sie war Kulisse. An den vielen Tankstellen in den vielen kleinen Orten des Landes, an denen sich seine Eltern die Füße vertraten, mit anderen Autofahrern und dem Tankwart plauderten, huschte er schnell auf die Toilette, bat seine Mutter um eine Cola und verkroch sich danach noch tiefer in die Geschichten von Hobbits und Zwergen, Menschen und Elben, dem Bösen und dem Guten. Jeder Satz hatte Bedeutung, jeder Satz versprach etwas Größeres, das noch kommen sollte. Er wusste, dass am Ende alles gut sein würde und am besten gefiel ihm, dass das Ende in Wahrheit ein neuer Anfang war. Wo das Schiff, das Frodo fortbrachte, morgen sein würde? Was Sams Kinder wohl in 20 Jahren machen würden? Ob Sauron wirklich wirklich vernichtet war? Wie schön Gondor wohl werden würde unter der Herrschaft Aragorns. Er wurde etwas traurig, wenn er daran dachte, dass Aragorn ein Mensch war, der sterben musste. Gerade er, der immer so stark war, der auch dann noch nach vorne blickte, wenn die anderen keinen Weg mehr erkennen konnten. Gerade er musste sterben? Das war nicht fair. Was war mit dem Zauberer? Der Griesgram! Der war unsterblich? Den hat er nie ganz verstanden. Und der konnte noch nicht mal richtig zaubern.
Nur manchmal kam er aus Mittelerde zurück ins Auto. Dann sah er aus dem Fenster und stellte sich vor. wie die Pferde Rohans über die Hügel kamen, um Minas Tirith zu befreien. Wenn die Bilder immer schwächer wurden und nur die Landschaft übrigblieb, blickte er zu seiner Mutter. Zwar hatte ihr Auto eine Klimaanlage, aber ihr wurde davon immer schlecht, daher waren im Sommer immer alle Fenster geöffnet. Seine Mutter hatte die Sandalen abgestreift und ihre Füße am Armaturenbrett liegen. Den Kopf legte sie leicht schräg auf die Lehne und ihre offenen Haare bewegten sich mit dem Wind. Wenn er seine Mutter so sah, fragte er sich, wie sie stundenlang ohne etwas zu sagen, ohne etwas zu lesen, ohne auf das Radio zu achten, so dasitzen und auf die Landschaft blicken konnte. Wohin sah sie? Im falsch eingestellten Rückspiegel konnte er ein leises Lächeln auf ihren Lippen erkennen. Hatte sie die Augen geschlossen und öffnete sie dann, wurde ihr Lächeln breiter und ihre Augen begannen zu strahlen, als sie erkannten, was sie sahen. Was sahen, was beeindruckte diese Augen? Er sah nur eine Landschaft. Er verstand seine Mutter nicht. Er verstand die Faszination seiner Mutter nicht. So beobachtete er sie oft und lange. Er dachte immer wieder darüber nach, aber eigentlich wusste er gar nicht, wo er beginnen sollte, nachzudenken.
Manchmal lehnte er sich dann nach vor und legte seine Hand auf die Schulter seiner Mutter. Immer, wenn sie das spürte, griff sie zuerst mit ihrer Hand nach der seinen, es fühlte sich an, als ob ihre Hand seine umarmen würde, kurz danach drehte sie sich um, blickte ihn an und ihr Lächeln wurde noch einen Deut heller, die Augen ein klein wenig größer. In diesen Momenten wich die Verwirrung aus seinem Gesicht und ein Lächeln nahm ihren Platz ein. Dann lehnte er sich zurück und schlug sein Buch wieder auf, ohne seine Hand aus der Umarmung zu lösen. Es dauerte meist nicht lange, bis er wieder so sehr in Mittelerde war, dass er seine Hand wieder brauchte, um so schnell wie möglich umzublättern. Die Hand seiner Mutter blieb dann noch lange wo sie war.

Er wollte nicht um Erlaubnis fragen als er einen großen Teil seines Geldes in ein Start-Up steckte. Inzwischen hatte er sehr viel Geld. Als sein Vater enthusiastisch erklärte, dass er das, was er vorhatte, für eine hervorragende Idee hielt, hörte er ihm nicht richtig zu, sein Blick ging an ihm vorbei hin zu seiner Mutter. Für andere hätte es so ausgesehen, als ob ihr Gesicht ausdruckslos gewesen wäre, aber er erkannte in ihrem leichten Zwinkern, dass er sie erst gar nicht fragen musste. Während sein Vater noch davon erzählte, dass er stolz auf seinen Sohn sei, da er Risiken im Leben einging und er sich selbst in ihm wiederfand und dann zu einer langen, bekannten Geschichte anhob, in der er sein Geburtsland verließ, obwohl ihm alle davon abrieten und sein Leben heute nicht so wäre, hätte er diese Entscheidung nicht getroffen, versuchte sein Sohn, höflich zu bleiben. Aber in Gedanken war er längst dabei, seinen zukünftigen Partner anzurufen. Es war entschieden, sie würden sich aufmachen, das Bargeld abzuschaffen. Das schafften sie zwar dann schlussendlich doch nicht, aber immerhin konnte man mit ihrem Produkt leichter im Internet Dinge bezahlen. Das reichte, um dieses Start-Up zu einem der erfolgreichsten Unternehmen überhaupt zu machen. Also verkauften sie es.
Er hatte jetzt noch mehr Geld. Er begann damit, dieses Geld in andere Start-Ups zu investieren. Er gründete eigene Start-Ups, deren Aufgabe es war, anderen Start-Ups Geld zu geben, in der Hoffnung, das investierte Geld um ein Vielfaches zu vermehren. Wurden diese Start-Ups, seine eigenen und die, in die er investierte, erfolgreich, verkaufte er sie. Er hatte kein Interesse daran, ein Unternehmen weiter zu beraten oder gar zu führen, nachdem es die Gründungsphase erfolgreich beendet hatte. Er wurde zu einem sehr reichen und sehr einflussreichen Mann. So gut wie alles, was er begann, wurde zu einem Erfolg. Er hatte wieder Zeit zum Nachdenken. Er wollte Menschen helfen. Er begann über den Tod nachzudenken, als seine Mutter krank wurde.

Die Umarmung aus seiner Kindheit, seine Hand in der seiner Mutter war das letzte, das er verlor. Niemand verstand genau, was eigentlich passierte. Für ihr Alter war sie noch jung. Zuerst wurde ihr auf Autofahrten schlecht, obwohl die Klimaanlage gar nicht lief und alle Fenster geöffnet waren. Danach fiel es ihr schwer, morgens aus dem Bett zu kommen. Sie verlor Gewicht, obwohl sie aß. Die Ärzte waren ratlos. Es gab Vermutungen. Es gab Ideen für experimentelle Behandlungen aufgrund der Vermutungen. Stundenlang saß er bei seiner Mutter im Krankenhaus, seine Hand in ihrer, und versuchte sie zu überzeugen, die jeweils neue Idee des jeweils neuen Arztes auszuprobieren.

„Die Ideen kommen und gehen, mein Schatz“, sagte sie und nahm seine Hand.
„Ja, weil du sie vorbeiziehen lässt.“
„Was denkst du, würde passieren, wenn ich die eine oder andere Behandlung ausprobieren würde?“
„Das weiß ich nicht.“
„Genau“, antwortete seine Mutter und er verstummte minutenlang.
„Aber…“, setzte er schließlich wieder an.
Seine Mutter unterbrach ihn: „Was denkst du wird passieren, wenn ich keine der Behandlungen ausprobiere?“
„Du wirst sterben!“, schrie er fast.
„Genau.“

Er war so aufgebracht, dass er seine Hand aus der Umarmung löste und zu gestikulieren begann, zu erklären, zu verleugnen. War sonst niemand im Zimmer, begann er zu weinen, geradezu zu schluchzen. Zu anderen Gelegenheiten, an denen ihn seine Mutter an diesen Punkt brachte und andere im Zimmer waren, begann er zu referieren:

„Wir müssen uns mit dem Tod nicht abfinden. Der Mensch hat es selbst in der Hand. Ein jeder, der kein Problem damit hat zu sterben, ist wahnsinnig, ganz buchstäblich nicht im Besitz seiner Sinne, krank, verblendet. Wenn wir einfach akzeptieren, sterben zu müssen, lohnt es sich nicht zu leben, denn selbst das schlimmste Leben ist noch immer besser als der Tod. Ich sage nicht, dass es einfach sein wird, uns von ihm zu befreien, ich bin kein Träumer. Die anderen, die, die behaupten, es sei unmöglich, sie sind die Träumer. Sie schlafen, sie waren noch nie wach und daher können sie mich nicht hören. Die, die noch immer Hoffnung haben, die, die schon mal kurz aufgewacht sind, verstehen mich zwar nicht, aber sie hören mir manchmal wenigstens zu. Hören sie mir lange genug zu, lassen sie sich überzeugen. Dann beginnen sie zu verstehen. Wir sind noch in der Minderheit. Wir sind eine Minderheit, die verspottet wird, weil sie auch die retten will, von denen sie verspottet wird. Ihr werdet uns noch danken. Am Ende werdet ihr uns noch danken.“

Ein einziges Mal sah seine Mutter bei diesen Worten zu ihm auf. Sie hatte wie immer geduldig gewartet, bis er fertig war, was manchmal länger und manchmal nicht solange dauerte. Dieses eine Mal sagte sie zu ihm:

„An welchem Ende denn, mein Schatz? An welchem Ende werden wir euch danken?“

Da sank er erschöpft und deprimiert in seinen Sessel zurück, die Hände über seinem Kopf zusammengeschlagen. Nur wenn sie alleine waren, wartete sie, bis er sich beruhigt hatte und dann lehnte sie sich mit aller Kraft nach vor, richtete sie sich in ihrem Bett auf, nahm seine Hand und lies sich wieder in die Polster sinken. Er konnte ihr nicht ins Gesicht sehen. Er schämte sich.

Genau nach einem solchen Moment, als er bei seiner Mutter saß und sie seine Hand hielt, spürte er etwas, das er noch nie zuvor gespürt hatte. Die Umarmung der Hand seiner Mutter wurde schwächer und schwächer, bis sie schließlich ganz verschwand. Dieses Loslassen dauerte nur ein paar Sekunden, doch im Nachhinein erschien es ihm wie eine Ewigkeit. Erschrocken blickte er zu ihr hoch. Sie lag da wie oft. Die Augen geschlossen, doch irgendetwas war anders. Er sprang auf, rief nach ihr, doch sie antwortete nicht. Er berührte ihre linke Wange mit seinem Handrücken, sie war noch immer warm. Vorsichtig suchte er an ihrem Handgelenk nach ihrem Puls. Er konnte nichts finden. Er wollte sie schütteln, war aber wie gelähmt. Nach einer zweiten Ewigkeit schaffte er es, den Notfallknopf über ihrem Bett zu drücken und er schrie nach den Ärzten. Er drückte den Knopf so fest, dass sich seine Hand verkrampfte. Nach einer weiteren Ewigkeit waren Ärzte und Krankenpfleger im Zimmer. Sie schoben ihn beiseite, versuchten alles, was Ärzte versuchen können. Es war zu spät. Er musste raus. Nur raus aus diesem Zimmer. Er wusste nicht, wohin mit sich. Er lief die leeren, kalten Krankenhausgänge auf und ab. Nachdem die Ärzte und Pfleger das Zimmer wieder verlassen hatten, hätte er nochmal zurückkehren können. Es wurde ihm angeboten, vorgeschlagen. Er konnte es nicht. Er war zu wütend. Er wusste nicht worauf. Er wusste nur, dass er wütend war. Wäre er ins Zimmer zurückgekehrt, hätte er sich noch einmal neben seine Mutter setzen können und er hätte seiner Mutter noch ein letztes Mal ins Gesicht blicken können, er hätte gesehen, was er als Kind so oft im falsch eingestellten Rückspiegel gesehen hatte. Er hätte ein letztes Mal seine Mutter gesehen. Seine Mutter mit den geschlossenen Augen und einem leisen Lächeln auf den Lippen.

Jahre später blickte er durch verspiegeltes Glas auf die fünf ersten Spender. Junge Leute, die ihre Zukunft noch vor sich hatten und lediglich eine Stunde ihrer Zeit und ein klein wenig ihres Blutes opferten, um die Menschheit voranzubringen. Hier wurde nichts überprüft, nichts getestet und nichts versucht. Hier wurde Zukunft gemacht, schon heute. Die ersten Ergebnisse sahen vielversprechend aus. Es gab zuerst Experimente mit Mäusen, dann mit größeren Säugetieren, schließlich mit Affen. Er war Realist. Er hoffte nicht darauf, es erleben zu dürfen, dass der Tod für die Menschheit zu einer Option werden würde. Aber ein längeres Leben, ein sehr viel längeres Leben als gewöhnlich, würde schon für ihn möglich sein. Davon war er überzeugt. Sich aufbereitetes und angereichertes Blut von jungen, gesunden Menschen injizieren zu lassen war nur ein Schritt von vielen, aber ein vielversprechender, wie er dachte. Das Start-Up, in dem er als stiller Investor tätig war, machte innerhalb kurzer Zeit medizinische Fortschritte, die niemand so vorausgesehen hatte. Die behandelten Mäuse lebten fünf mal länger als die Kontrollgruppe, die größeren Säugetiere immerhin bis zu dreieinhalb mal so lang und noch keiner der behandelten Affen war bis jetzt gestorben. Die Affen aus der Kontrollgruppe allerdings schon.
Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, dass er einer der ersten Menschen war, der diese lebensverlängernde Maßnahme an sich selbst durchführte. Er fand sich jetzt selbst in dem Raum wieder, in dem einige Tage zuvor die jungen Spender saßen. Es war nur ein Arzt anwesend und eine Krankenpflegerin. Das aufbereitete Blut, das zu seiner Blutgruppe passte und auf alle möglichen Krankheiten getestet worden war, hing links über ihm in einem dieser typischen Plastiksäcke. Er wusste, dass auch Krankenpflegerinnen Infusion setzen durften, aber er bestand darauf, dass ihm der leitende Arzt selbst die Nadel in die Armbeuge stach. Dass die Krankenpflegerin viel mehr Erfahrung darin hatte, wusste er nicht und er konnte auch nicht zugeben, dass er Angst vor Spritzen und Nadeln hatte. Schon als Kind ließ er sich keine Impfung geben, ohne dass seine Mutter dabei war. Sie stand dann meist links hinter ihm, dort wo sich jetzt die Krankenpflegerin befand. Als der Arzt seine Armbeuge desinfizierte begann er leicht zu schwitzen. Er wollte einen Scherz machen, aber ihm wollte beim besten Willen keiner einfallen. Kurz bevor sich die Nadel in seine Haut bohrte, spürte er eine Hand auf seiner linken Schulter. Seine Nervosität lies etwas nach und gleichzeitig empfand er es als unangenehm. Am liebsten hätte er der Krankenpflegerin die Anweisung gegeben, das sein zu lassen, aber er konnte sich doch nicht dazu durchringen. Stattdessen wurde er traurig. Eine Traurigkeit die er so nicht kannte. Er verstand nicht ganz, was mit ihm geschah und er kämpfte damit, Tränen zurückzuhalten. Er war dabei, die Welt zu revolutionieren, nicht nur sich selbst sondern Milliarden Menschen eine Zukunft zu ermöglichen, von der sie bis jetzt noch nicht mal zu träumen wagten. Er hätte euphorisch oder zumindest aufgeregt sein sollen. Er war es nicht. Er wünschte jetzt, die Krankenpflegerin stünde nicht hinter ihm. Er hätte gern ihr Gesicht gesehen. Ihre Hand war noch immer auf seiner Schulter und jetzt ließ er es einfach zu. In dem Moment, als sich die Nadel in eine Vene seiner linken Armbeuge bohrte, ergriff seine rechte Hand, ohne dass er es wollte, die Hand auf seiner Schulter.

Diese Geschichte ist inspiriert von Peter Thiel. Sie ist frei erfunden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s