Corona, das sind die Anderen

Ich war heute beim Corona-Schnelltest. Es ging tatsächlich schnell, es hat nicht weh getan. Er ist negativ. Die Tage davor habe ich mich gefragt, ob ich das machen soll. Zu sehr roch es nach einer PR-Veranstaltung unseres Kanzlers, dem Kurz. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Massentests war mir zu komplex. Um diese Frage für mich befriedigend zu beantworten fehlt mir das Wissen und die Muse mich hinzusetzen und zig sich widersprechende Artikel und Meinungen zu lesen. Das Internet und die Beiträge da drin sind ja heutzutage vor allem durch Interessen geleitet. Interessen die mich nicht interessieren und die ich auch nicht wirklich verstehe. Daher habe ich anders darüber nachgedacht.

Klar, wäre der Test positiv ausgefallen, hätte ich meine Quarantäne antreten muss. Mein Leben hätte sich dadurch nicht dramatisch verändert. Bin arbeitslos, nicht zuletzt wegen Corona. Ich schreibe meine Masterarbeit in Soziologie. Verbringe also die meiste Zeit des Tages sowieso an meinem Schreibtisch. Ich hab ein Haus das Betreuung braucht und ich muss nicht Laufen gehen, ich kann auch am Hometrainer hocken und in die Luft schauen. Also schon mal kein Grund für irgendwas. Aber selbst wenn ich mich extrem einschränken müsste gibt es gute Gründe sich testen zu lassen, also auf jeden Fall bessere als es nicht zu tun.

Und jetzt wird‘s hochtrabend: Wir leben in einer Zeit in der uns eingeredet wird, dass

1. wir der wichtigste Mensch überhaupt sind

2. Draußen feindlich ist (https://www.youtube.com/watch?v=89oBimDTmmw)

3. andere Menschen vor allem eine Bedrohung sind

Das Fremde, Andere, Negative soll ausgerottet werden wie uns Byung-Chul Han erklärt. Das Virus ist draußen, andere Menschen haben es und wir müssen all das von uns, da wir ja das Wichtigste überhaupt sind, fernhalten. Das ist kein Egoismus, das ist Überlebenskampf auf Basis der neoliberalen Gehirnwäsche. Die einzige Ausdrucksweise, die uns diese Gehirnwäsche überlässt, ist „Freiheit“, „Individualismus“ und Rücksichtslosigkeit. Ja, keinen kostenlosen Test zu machen der 15-30 Minuten dauert ist rücksichtslos. Diese Rücksichtslosigkeit scheint aber die letzte Selbstbehauptung zu sein, die uns in unserer ach so chancenreichen Zeit zu bleiben scheint. Das ist kein Vorwurf. Wir ersticken unter Anforderungen, immer neuen Informationen, Ungewissheiten, Planungsunsicherheit usw.

Man kann aber versuchen den Spieß umzudrehen. Das ist schwer aber man macht vielleicht neue Erfahrungen dadurch. Erfahrungen sind mit Schmerzen verbunden, immer, alles andere sind Ereignisse. Ihr seht, ich habe viel Byung-Chul Han gelesen. Also, den Spieß umdrehen durch einen Corona-Test? Ja, weil ungefähr so hab‘ ich mir das dann gedacht:

1. Jeder glaubt, dass er der wichtigste Mensch überhaupt ist. So entsteht keine Gemeinschaft. So kreieren wir was Margaret Thatcher damals behauptet hat. So schaffen wir Gesellschaft ab und so gibt es irgendwann wirklich nur mehr Individuen. Und so wird das Draußen, das feindlich ist, immer größer, denn dann zählt irgendwann jeder, der nicht Ich ist, zum Draußen.

2. Sind wir uns sicher, dass Draußen feindlich ist? Wann waren wir denn zuletzt irgendwo, das man als echtes „Draußen“ bezeichnen kann? Ist „Draußen“ vielleicht deshalb so bedrohlich weil wir vermuten, dass dort so Menschen herumlaufen, die sich auch einreden haben lassen, dass nur sie zählen, Menschen die „frei“ und „individualistisch“, also rücksichtslos sind? So wie wir? Haben wir am Ende nur vor uns selbst Angst? Wir werden es nicht ERFAHREN, sofern wir nicht riskieren einen Schritt vor unsere metaphorische Tür zu tun. Wir sollten uns wieder mehr irritieren lassen und das dann auch aushalten. Sagt jemand was, was wir für dämlich halten, sollten wir uns vielleicht nur kurz fragen, ob es tatsächlich dämlich ist oder es nur von unserem immer gleichen Standpunkt aus so aussieht.

3. Klar, andere Menschen können einem schon Angst machen. Und das wovor man Angst hat, hat keinen Schutz verdient. Aber man kann andere Menschen auch interessant finden, mit ihnen lachen, von ihnen was lernen, sich von ihnen irritieren lassen, sich in sie verlieben, an sie denken wenn man sonst immer nur den gleichen Scheiß denkt und so weiter. Die Anderen, das Andere ist die einzige Möglichkeit uns aus unserer inneren Quarantäne zu locken. Und das kann z.B. mit einem Corona-Test beginnen, den man hauptsächlich wegen den Anderen macht, damit die nicht krank werden, oder sterben. Denn es scheint sich noch nicht herumgesprochen zu haben: Stirbt man, ist alles aus. Also so richtig alles. Einfach aus. Auch wenn man selbst nicht so sehr am Leben hängt, vielleicht tun das ja andere, die nicht wollen, dass einfach alles so aus ist. Da könnte man ja mal so einen Test machen. Oder nicht. Man kann auch sagen: „Bei dieser PR-Aktion der Regierung mach ich nicht mit.“ Oder: „Ich geh sicher nicht 10 Tage in Quarantäne“ Kann man alles machen. Aber in dieser selbstauferlegten, geistigen Quarantäne, die vom Anderen nichts wissen will und wo alle ruhig scheißen gehen können, scheint‘s auch nicht wirklich lustig zu sein.

Als superduper Protest formuliert: Eine hohe Beteiligung an den Massentests hätte die Regierung als eigenen Erfolg verkauft. Das wäre ziemlich sicher so gewesen. Aber vielleicht wäre genau die hohe Beteiligung das größte „Geht‘s scheißn“ gewesen. Denn es hätte gezeigt, dass den Menschen in diesem Land die Anderen nicht egal sind (im Gegensatz zur Kanzlerpartei) , dass sie von sich selbst mal kurz Abstand nehmen können (im Gegensatz zur Kanzlerpartei), dass sie etwas wagen, einfach so, weil es wie eine gute Idee aussieht. Aber vielleicht interpretiere ich in einen einfachen Corona-Test auch zu viel hinein. Ich weiß es nicht. Das muss ich wohl aushalten.

2 Kommentare zu „Corona, das sind die Anderen

  1. Großes Kino lieber Bernd, ich mags.
    Ich mag die Gedankenanstöße, wie wir vielleicht mal nicht der wichtigste Mensch sind, der erste Schritt um vl auch zu erkennen, dass wir nicht das wichtigste Lebewesen sind.

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