Ein entspannter Geburtstag

Vor gut 2.000 Jahren wurde angeblich so ein Typ geboren der herumzog und Sätze wie „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe!“ sagte. Dem haben andere Menschen zugehört und einige dachten sich, „Ich glaub da hat er recht“. Seine Ideen waren so kraftvoll, dass wir noch heute seinen Geburtstag feiern. Also das muss man sich mal klar machen: Vor 2.000 Jahren ging ein relativ entspannter Typ herum und sagte in Wahrheit nur „Entspannt‘s euch mal!“. Er wurde zwar auch unentspannt wenn andere zu unentspannt waren aber im Grunde hat er nichts anderes gemacht. Und die Geburt von dem feiern wir noch heute. Unglaublich! Noch heute hat die Nachricht so eine Wucht, dass wir uns an seinem Geburtstag selbst ermahnen und uns sagen: „Ich glaub der hat recht! Ich sollt mich mal entspannen“. Aber wenn man nicht weiß wie man sich eigentlich entspannen soll, geht das gar nicht so einfach.

Und dann sitz‘ ich also hier an seinem Geburtstag und mit meiner katholischen Erziehung, die darauf aufgebaut ist, dass man an irgendwas schuld ist und man aber gar nicht so genau weiß woran. Und gleichzeitig kam über die letzten Jahrzehnte eine „ganz andere“ Weisheit aus dem fernen Osten zu uns. Gehüllt in Love und Peace und Haschischrauch. Und dann braucht es Menschen, die von einem fremden Land erzählen, „wo einer, der ‚ich‘ sagt, schleunig in die Erde versinkt.“ Und dann denk ich mir, „die reden doch vom Gleichen“. Und natürlich tun sie das. Aber die Umsetzung! Die Umsetzung!

Der Adorno hat ja gesagt „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen!“. Das habe ich lange geglaubt und in Wahrheit glaub ich es noch immer aber dann hab ich vor ein paar Monaten, bei so einem Westler, der sich in fernöstlichen Dingen auskennt, gelesen, dass es NUR im Falschen ein richtiges Leben geben kann. Denn wenn alles im Richtigen wär, dann könnte man zwischen dem Falschen und dem Richtigen gar nicht mehr unterscheiden. Dann würde man einfach leben.

Wenn wir ehrlich zu uns sind, dann wissen wir doch genau, dass wenn wir vom „Falschen“ herumlabern und alles so schrecklich finden, wir eigentlich immer nur die anderen Menschen, die Seltsamen, die Kleinkarierten, die Kleingeistigen, die Großkopferten, die Selbstverliebten, die, die nicht verstehen worum es eigentlich geht, meinen. Dass, wenn alle so aufgeschlossen und hip wie wir wären, wir alle händchenhaltend im Kreis hüpfen würden. Und wie schnell würde uns fad werden? So händchenhaltenden im Kreis? Wie schnell würden wir denken: „Der hüpft nicht fröhlich genug, der drückt die Hand seines Nachbarn zu stark, der hält die Hand seines Nachbarn zu lasch! Wir wären so entspannt, wenn nur die anderen entspannt wären!“ Ja gut, so wird das aber nichts mit im Kreis hüpfen. Irgendwann muss mal irgendwer anfangen mit dem entspannt sein, gerade dann wenn alle anderen unentspannt sind. Und das ist so schwer und so außergewöhnlich, dass wir noch heute den Geburtstag von einem Typen feiern, der das durchgezogen hat.

Ich weiß schon, das hört sich naiv an. Wie wenn es zu Weihnachten noch um die Geburt von dem Typen gehen würde. Stimmt, geht‘s nicht, oder nur minimal. Und wer ist schuld daran, wenn wir‘s schon so mit der Schuld haben? Eben. Das Erstaunliche an uns Menschen ist nämlich, dass wir uns unsere Bedeutungen selbst machen. Wir können – sogar relativ einfach – entscheiden, was bedeutsam ist und was nicht. Und wenn ich mir zu Weihnachten denke, dass ich ja wirklich mal fünf grade sein lassen kann, dann ist das auch wirklich so, also wenn ich konsequent genug bin. Im Gegenzug könnt ich mir auch sagen, dass es total wichtig wär‘, dass zu Weihnachten meine Fenster geputzt sind. Will ich aber nicht. Hat keine Bedeutung für mich. Und wenn dann die Nachbarn blöd finden, dass meine Fenster nicht geputzt sind, dann ist meine Reaktion, dass das ja blöd ist, dass jemand es blöd findet, dass meine Fenster nicht geputzt sind. Und schon stockt‘s wieder beim Kreishüpfen. Weil was soll denn das für eine seltsame Bedeutung sein? Jaja, das ist für die Nachbarn bedeutsam, aber die sind ja auch kleinkariert und kleingeistig. Ihr seht, wir hüpfen wirklich im Kreis. Und daher brauchen wir so Menschen die nicht aufhören zu sagen, dass wir uns mal entspannen sollen. Und deshalb tut es auch gut den Geburtstag von so einem 2.000 Jahre lang zu feiern.

Ram Dass hat mal gesagt, dass das größte Opfer von Jesus war, dass er überhaupt zu uns Menschen gekommen ist. Hätte er nämlich gar nicht müssen. Er hätte ja auch Gott bleiben können, er hätte sich ja gar nicht so herausschälen müssen, wenn‘s um ihn ginge. Es geht aber eben nicht um ihn. Es geht um alles. Und daher dachte er sich wahrscheinlich „Ich glaub‘ bei denen läuft‘s nicht, da muss ich mal was machen!“. Dass wir ihm zwar zugehört haben aber dann doch gefoltert und umgebracht haben könnte man jetzt als Misserfolg betrachten. Ihm wird‘s egal sein aber dass wir heute noch immer feiern, dass er sich dachte „Da muss man mal was machen!“ ist nicht nichts.

Schöne Weihnachten!

Ein Kommentar zu „Ein entspannter Geburtstag

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