Echo aus der Vergangenheit

Vor fast hundert Jahren hat uns Maurice Halbwachs erklärt wer wir heute sind:

„Die Wirtschaftlichkeit, die Ehrenhaftigkeit und Sparsamkeit, Tugenden, die den Gesellschaften und den Morallehren der Antike nicht fremd waren, haben vielleicht die Prägung der puritanischen angelsächsischen Gesellschaften erfahren. Von dem Tage an, wo sie an die Spitze der gesellschaftlichen Werte gelangten, hörten sie auf, als einigermaßen subalterne Qualitäten praktischer Kaufleute zu gelten. Aus dem Berufsleben hinausgetragen in die Familien- und Freundschaftsbeziehungen und in alle die Verhältnisse, die die Menschen außerhalb des Kontors oder des Büros in den Stunden, da sie nicht für ihren Lebensunterhalt arbeiten, ausbilden, könnten sie eine neue Ranghierarchie begründen. Man würde einer Klasse angehören, man wäre von den Mitgliedern dieser Klasse mehr oder weniger geachtet, weil man mehr oder weniger reich ist. Dieser Reichtum würde zweifellos das Vorhandensein von Qualitäten in uns garantieren, die in diesem Gesellschaftstypus allein gestatten würden, reich zu werden. Aber man würde diese Qualitäten abgelöst von ihrer kaufmännischen oder handwerklichen Form betrachten: mehr als an das dadurch verschaffte Geld würde man sich an die dazu vorausgesetzten moralischen und gesellschaftlichen Verdienste halten. Man würde zugeben, daß man in den reichen Klassen mehr als in den übrigen Selbstbeherrschung, Opferbereitschaft, eine sichere Veranlagung, seine Handlungen seinen Ideen entsprechen zu lassen, einen schärferen Sinn für Ehrenhaftigkeit und Redlichkeit, Loyalität und Treue in der Freundschaft, tiefverwurzelte Familientugenden und untadelige Sittenreinheit finden würde. Die Armut würde hier als Unsittlichkeit gelten, und die Armengesetzgebung würde die Bettler als Verbrecher behandeln. Diese im Kollektivgedächtnis niedergelegten Erinnerungen würden auf der Erfahrung der Tugenden oder zumindest der Tugendäußerungen der Reichen beruhen. Man würde darin die Spiegelung und das Echo von tugendhaften Personen und Taten, die die Einbildungskraft lebhaft berühren, ebenso wiederfinden wie von dauernden Mahnpredigten, die man in der Öffentlichkeit und in den Familien- oder Freundeskreisen, in den Zeitungen und in der Literatur zu hören bekäme. Bestimmte Zeitabschnitte, in denen eine solche bürgerliche und puritanische Moral gegen andere Moralen hätte kämpfen müssen und wo es eines Heroismus und fast widernatürlichen Kraftaufwandes bedurft hätte, sie aufrechtzuerhalten und triumphieren zu lassen, würden tiefere Erinnerungen hinterlassen. Der starke von ihr ausgehende formende oder verformende Einfluß würde sich in den starren Gesten, dem näselnden Predigtton nicht weniger zeigen als in der gezwungenen und eingeschüchterten Art des Denkens. Die ideale Form einer solchen Gesellschaft wäre eine Art von patriarchalischem Kapitalismus, in dem die Klasse der reichen Industriellen und Händler sich bemüht, die Armen moralisch zu heben und sie die Tugenden zu lehren, die im Vordergrund ihrer Morallehre stünden: nämlich Sparsamkeit, Enthaltsamkeit und Arbeitsliebe. Die Armen besitzen diese Tugenden in der Tat nicht von Natur, weil sie arm sind. Es gibt in der Klasse der Armen keine irgendwie gearteten Traditionen, die ihre Stelle einnehmen könnten. Also muß das Beispiel von oben kommen“

Maurice Halbwachs – Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. Suhrkamp 1985. S. 336ff.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s